(Unknown) Comedy
Archäologie der Songs
Bücher
Diagnose
Durch Schall und Rauch
Geschichte kurz
Ich wollte was schreiben über:
Ich würde gerne wissen, was ich gemeint hab, als ich in mein Notizbuch schrieb:
Im Kino (gewesen)
Konzerte
Liedtexte oder Zitate
Musik
Probe Objektiv
SB Warenhaus
Spracherkennung
Traumtagebuch
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren
La disposition des matières est nouvelle. Non-Casual Blogging.™

 

Durch Schall und Rauch

Dass Metal niemals richtig in der Gesellschaft oder im Mainstream angekommen ist, beweisen die Erfolge der Hair Metal Parties deutschlandweit. Nur mit satirischer Überhöhung und der Möglichkeit sich durch Performanz und Gestus über das Programm des Abends zu stellen, ist es dem Publikum möglich an so einem Abend in Scharen zu erscheinen.

Ich gehe wieder viel mehr aus. Und was sehe ich da? Kids. Kids, die ironisch sind. Kids, die nur verarschen. Aber sie können nichts dafür. Natürlich nicht, sie stehen unter immensem Druck in der Gesellschaft, in ihrer Gesellschaft, überall. Deswegen müssen sie alles offensichtlich scheiße finden, damit man ihnen nichts anhaben kann. Trotzdem habe ich in der Freitagnacht gedacht: Fickt euch, ich könnte euch eure Ironie um die Ohren hauen. Dann wurde der Techno lauter und ich habe die Kids vergessen.

Ich bin definitiv gestern endgültig am neuen Ausgehen gescheitert. Das neue Ausgehen ist wie das alte Ausgehen, nur dass es in die Clubs und zu den Veranstaltungen geht, zu denen die hippen Kids gehen. Aber irgendwie halte ich es da nicht aus. Gestern Abend war hier in meiner Stadt eine Veranstaltung, die so dermaßen von hippen stylischen Kids überfüllt war, dass einem sehr schnell schlecht wurde. Und dabei ist mir auch aufgefallen: ich hab was gegen diese stylischen Jungs, die Angst haben, dass ihnen die Frisur oder das Hemdchen verrutscht oder die leere Baumwolltaschen von der Schulter fällt. Das ist langweilig und traurig anzusehen. Stattdessen flüchteten wir dann in den - für den Abend - uncoolen Club, in dem die Ausgestoßenen zu einem Haufen alten Alternative-Krams hübsch tanzten.

Jetzt hat ein kleiner Shift in meinem Denken stattgefunden, und ich muss zugeben, dass ich mich vor dem heutigen Abend dazu hätte hinreißen lassen zu sagen: die Kids von heute führen nur ihre Klamotten spazieren beim Ausgehen in Discos. Aber irgendwie denke ich gerade: das haben sie (wir) damals auch schon so gemacht. Vielleicht bin ich aber auch nur müde mich über die Kids von heute aufzuregen. Ihnen fehlen die Referenten will es aus mir heraus, aber das ist so lächerlich. Uns fehlten auch schon die Referenten, wir haben nur geglaubt, wir hätten welche. Und als es vielleicht noch welche gab, das kann man jetzt nicht mehr nachprüfen, da gab es noch keine Discos. Discos sind dafür da, Imagekataloge spazieren zu führen. Und warum sollte ich mich über die Kids aufregen. Sehen alle so zufrieden und niedlich aus. Die sind alle sehr lieb. Die werden niemals aufbegehren. Das heißt Sicherheit. Zumindest wenn man nicht an eine große Superverschwörung glaubt und das tue ich nicht. Apropos super: Zeit über den Superlativ Super nachzudenken. Und seine Verbindung zu Pop. Und zu Independent. Setzt man Mittleres zwischen Erstes und Letztes kommt der Titel des heutigen Abends heraus. Zusammen geschrieben. Ich habe wirklich nicht verstanden was das mit dem heutigen Programm zu tun hatte. Zuerst war ich zornig. Die können doch nicht einfach was Independent nennen und dann nur den breiigsten Konsens-Schrunz (z.B. der Lautsprechertest-Track "Bumm Bumm Bumm" von den Black Eyed Peas, der ähnlich geistreich ist wie damals "1,2 Polizei" von Mo-Do und gar nicht raffiniert, obwohl der Grat zwischen Minimal-Art in der Musik und dummdreisten Nullnummern schmal ist) spielen. Können sie aber natürlich doch. Warum sollten sie das nicht können? Schließlich hat auch jemand Anderer diesen Begriff genommen und ihn über einen Haufen Bands die das nicht sind gestülpt. Ich war allerdings trotzdem fehlgeleitet und trotzig eingeschnappt. Menno, die machen mir mein schönes Weltbild kaputt diese verzogenen Kids. Und musste sie natürlich wieder beim Tanzen beobachten. Sieht wahrscheinlich schon alles so ein bisschen nach Gaffen aus, aber es ist wirklich interessant: Da sitzt eine Gruppe junger Mädchen desinteressiert auf schnieken Sofas herum (Lungern Couture) und sie sehen aus als passen sie rein, ziehen aber 'ne Schnute zu der ganzen dancigen Mucke. Egal was läuft, sie flunschen. Dann aus heiterem Himmel stehen sie auf und gehen mitten in einem Lied auf die Tanzflläche und fangen an zu tanzen. Habe ich nicht verstanden. Ich verstehe die Signale anders, die gesendet werden. Für mich funktioniert das so: ich hab Lust zu tanzen und tanze dann zu den Liedern, die ich mag. Wenn eins zuende ist und ein anderes anfängt, bleibe oder gehe ich. Aber hier geht es nicht darum welches Lied läuft. Man tanzt und dann hört man auf. Und dann geht man raus. Als würde an diesen Abenden einfach das Radioprogramm nachgespielt werden. Es läuft halt die ganze Zeit was und da hört man halt so halbherzig hin. Und wenn was Gutes kommt, wird kurz gejubelt und abgedanced. Ich wechsle von der Hall in den Club und komme gerade rechtzeitig zu Efdemins "Just A Track" von der Split mit Carsten Jost. Das versöhnt mich sehr, bringt es doch so eine Art 3-D Effekt in den Abend. Ist mir allerdings auch neu, dass man in jedem Moment, in dem die Bassdrum "fehlt", frenetisch pfeift und johlt, so dass es die wirklich laute laute Musik komplett übertönt. Da standen Macker und Tussis herum, die die Finger zwischen die Lippen steckten und ohrenbetäubende Pfeiforgien in jede bassdrumlose Lücke bliesen. Mein Nacken tat weh vom die ganze Zeit das Kopfschütteln unterdrücken und ich ging wieder in die Hall. Dort kam ich rechtzeitig zum albernen Gesabbel von Peter und Jan und da auch das im Eintrittsgeld enthaltene Koffein-Getränk nicht mehr wirklich wirkte, radelte ich nach Hause.

(Was im Bericht über das Stemweder Open Air Festival nicht steht, ist natürlich die Frage nach meiner Kritik oder der Berechtigung einer Kritik an solch einem von mir beobachteten Verhalten. Warum reibe ich mich eigentlich so an dem Verhalten der anderen Festivalbesucher? Warum (miss)fällt mir gerade so sehr die Trunkenheit auf? Wie kommt es dazu, dass ich Punker Asi-Punks nenne und Männer und Frauen mit langen Haaren und Lederklamotten Alt-Rocker, die in ihrem Leben nie weitergekommen sind? Woher kommt und wie entsteht meine Forderung nach einem Fortschritt in der Musik, in dem Verhalten von Menschen auf Festivals? Wieso muss auf dem Festivalgelände alles sauber sein und wieso stelle ich der binären Opposition sauber/schmutzig die Opposition richtig/falsch gegenüber? Wie entstehen überhaupt Begriffe wie sauber und schmutzig und wo verläuft da die Grenze?...)

Freitag. In einer Festival-Rezension kann nicht nur etwas über die Musik stehen, denn Festival transportiert gleichzeitig sowohl für Besucher als auch für Rezensenten etwas Woodstock, etwas Ausbruch, etwas Rebellion, etwas... mehr als Bands, die auf Bühnen stehen und spielen jedenfalls. Der Woodstock-Vergleich passt dann zum Stemweder Festival auch am besten; nicht was die musikhistorische Relevanz betrifft und auch nicht was die Qualität der Künstler angeht, und wohl auch nicht was die Gesinnung der Besucher angeht (von der Anzahl ganz zu schweigen), aber vielleicht ist das Bild des Woodstock-Besuchers noch in so manchem Kopf des Stemweder-Festival vorhanden und somit ist „Gesinnung“ im Sinne von „man möchte einem Sinn folgen“ doch noch am passendsten. Aber viele Gäste dieses Festivals wollen erst einmal vom Äußeren der Gesinnung des Woodstock-Festivals folgen, vor allem was Nüchternheit (nicht vorhanden) und Hygiene (wenig bis gar nicht vorhanden, zumindest auf den Zeltplätzen) angeht. Ich gehe selbst hierbei von meinem eigenen Bild von Woodstock aus, genährt aus Berichten und Filmbeiträgen und dem Film selbst natürlich. Jetzt werden viele sagen, dass das auf allen Festivals so ist, und ob ich noch nie was vom Wacken gesehen hätte. Ich war noch nie auf dem Wacken, ich kenne nur Geschichten vom Wacken und den Film natürlich, aber auf keinem „Umsonst & Draußen“ Festival ist man so professionell asi(g), betrunken, bekifft und siffig wie auf dem Stemweder Open Air Festival. Alle Asi-Punks, junge und alte Hippies und Alt-Rocker der Welt treffen sich hier. Aber wahrscheinlich sind es leider nur die des Einzugsgebiets, das bis vielleicht 100 oder 150 km rund um Stemwede liegt. Hier in Bielefeld und OWL ist man verwöhnt mit Diskos, die „alternative“ Musik spielen, was nach meiner Definition immer noch härterer Gitarrenrock ist, und ebenso sprießen neue Festivals aus dem Boden, auf denen zumeist Bands spielen, die „das harte Brett fahren“. NuMetal, Crossover-Metal, Irgendwas-Core, you name it. Das gab es vor 10 Jahren noch nicht und zeigt einiges, was ich aber hier nicht alles aufdröseln kann. Als ich vor 8 Jahren das erste und einzige Mal - bis gestern – auf dem Stemweder Open Air Festival war, konnte ich nicht ahnen, dass ich heute, 2008, so ein großes Bedürfnis verspüren würde, einmal darüber zu schreiben. Es brodelte in mir, es brodelte ob der Selbstzerstörung und Respektlosigkeit, die auf diesem Festival herrscht und irgendwo hoffte ich, es würde woanders anders sein. Ob es so ist, weiß ich nicht, aber ich glaube es. Es gibt eine Menge Katastrophentourismus auf dem Stemweder Open Air Festival, adoptierte Alternative-Kids, die sich abschauen wollen, wie es ist, „alternativ“ zu leben, und die sehen dort, was das heutzutage wirklich bedeutet, vor allem, wenn man schon eine längere alternative Karriere hinter sich hat. Man sieht diese unbedarften und unschuldigen Mädels zwischen all den Schnaps- und Haschleichen herumstolpern, zumeist sind es zwei sich an den Händen Haltende, die nicht wissen, auf welches Elend sie zuerst schauen sollen: die Unmengen an gescheiterten Existenzen, die sich auf immer von der Gesellschaft verabschiedet haben, dies als richtig ansehen und es noch verteidigen; auf die aus Gleichgewichtsverlust durch Rauschmittel Umgefallenen; auf die Horden ins Wald Urinierenden; auf all die, die den Rest des Jahres damit verbringen, das Verpfuschte der letzten Jahre oder Jahrzehnte wett- und gutzumachen und an diesem Wochenende einknicken. Aber letzteres ist auch nur ein ängstlicher Wunsch: es kann ja nicht sein, dass der Alltag dieser Menschen so aussieht, oder doch? Dort sehe ich ein Gesicht aus alten Diskonächten, „Beule“ wird er genannt, der immer voll auf Sendung war wenn ich ihn sah, jahrelang ging das damals so. Jetzt sehe ich ihn wieder, vielleicht sieben Jahre seit dem letzten Mal, und nichts aber auch gar nichts hat sich an ihm verändert. Er ist zerlumpt gekleidet, sturzbetrunken und dreht sich eine Zigarette. Wie stark der menschliche Körper sein muss, dass er solch eine Selbstzerstörung so lange aus- und durchhält. Am gestrigen Abend geht es mir mehrere Male so, dass ich Menschen die ständig gleichen – nicht immer selbstzerstörerischen – Gesten aus der Vergangenheit ausführen sehe. Sind sie aus ihrem Selbst niemals herausgekommen, haben sie nie das Bedürfnis verspürt, etwas zu ändern, oder haben sie es doch und es nur nicht geschafft? Ich weiß nur eins: dieses Festival konzentriert eine Zusammenführung der Gescheiterten. An der Gesellschaft und an sich selbst und vor allem an Rauschmitteln. Eins dieser Rauschmittel, aus metaphorischer Sicht, ist die Musik. Aber sie scheint nur ein Katalysator zu sein, durch den das Eigentliche geschleust wird. Vielleicht komme ich damit auch mal zur Musik, damit die Beschreibung des Elends ein Ende hat. Als erstes vernehme ich auf der Waldbühne Töne von JULIA aus Österreich; was ich von denen noch mitbekomme scheint recht gefälliger Boysetsfire-Core zu sein, angekündigt sind heute diese Bands auf Flyern mit Genre-Beschreibungen, die sich nur ein absolut Unwissender ausgedacht haben kann, oder jemand, der nicht zu oft das Gleiche auf die Flyer drucken wollte. Als nächstes sehe und höre ich auf der Wiesenbühne DISTANCE IN EMBRACE aus Minden, die ich schon einmal live gesehen habe, dort aber mit einem wesentlich besseren Sound. Hier klackert das Schlagzeug und der Bass brummt und stolpert über sich selbst, der Schreigesang ist zu leise und die Gitarren verwaschen. Komplexen Core spielen DISTANCE IN EMBRACE, recht einfallsreich, aber heraushören kann man das heute nur schwer. Dieses Problem mit dem Sound haben DUFF DOWNER aus Ostfriesland nicht, wobei ihr Sound und ihre Songstrukturen auch nicht eine ausgefeilte Abmischung benötigen, DUFF DOWNER spielen intelligenten und traditionsbewussten Heavy Metal/Stoner/Hard Rock mit wenig Metal und viel frühen Black Sabbath. Unerwartet gut klingt das, vor allem die Stimme des Sängers, der in seinen stone-washed Röhrenjeans wie ein uncooler 15-jähriger Schuljunge aussieht, überrascht. Wie kann aus einem solchen Jungen eine so laute Stimme kommen? Auch die Riffs und der Gitarrensound zeugen von aufmerksamen Hard Rock – Studium. Allein das Schlagzeug ist eine Spur zu basisch, im Gegensatz zu den komplexen Bassläufen steht es etwas hintan. Auch wenn im Stoner-Hard-Rock das Schlagzeug eher begleitend sein soll, ist es hier eine Spur zu zurückhaltend, klingt aber trotzdem gut. Kurzer Wechsel zurück zur Waldbühne zu LEFTÖVER CRACK aus den USA, aber da will ich ganz schnell wieder weg; mit Ideologie und Punk-Attitüde aufgeladener Repititions-Ska-Punk, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Schablone der Musik zu nehmen, um Parolen zu verbreiten, die die Anwesenden sowieso vor sich hin brüllen und lallen wo man steht und geht, also zurück zur Wiesenbühne, aber da gibt es das genaue Gegenteil davon, sinn- und verstandloser Spaß-Pop aus Deutschland mit TRAVOLTER aus Espelkamp, die mit Mario-Barth-Klischeetexten und Musikbewitzelung ein paar Lacher aus den inzwischen am Rande des Kollaps torkelnden Festivalbesuchern schütteln wollen. Ich stand weit weg von der Bühne, aber ich schätze mal, es hat vorne so wenig wie hinten geklappt. Miserabler Sound, miserable Riffs, miserable Vocals und ein miserables Songwriting, das sind TROVER aus Espelkamp, die ich nun schon zum dritten Mal irgendwo sehe und jedes Mal klingt es miserabler, was ich da von der Bühne höre. Nachdem das großkotzige dicke-Hosen-Intro verklungen ist, höre ich nur ein einziges Schrubbi-Schrubbi von den Gitarren und dem Bass und so eine Art Knattern, das soll wohl die Double-Bass vom Schlagzeug sein. TROVER klingt ja auch so ähnlich wie Trecker, und Trecker-Metal, so möge in Zukunft dieses von Machine Head, Pantera, diversen NuMetal/Crossover-Bands und Irgendwas-Core abkopierte Songwriting genannt werden. Sänger Torsten Nordsiek kann nicht brüllen, nicht screamen und auch nicht shouten, singen sowieso nicht, auf Platte mag das ja noch alles anders sein oder werden, live geht da bei TROVER gar nichts. Das Highlight des Abends folgt dann doch auf der Waldbühne, wo man noch das Ende der kaputt lallenden LEFTÖVER CRACK ertragen muss. Danach aber spielen FOTOS aus Hamburg, die sich einerseits in das Stemweder Open Air Festival eingereiht haben, Sänger Thomas Hessler kündigt vor Beginn schon mal sein Getränk des Abends (Wodka-O) an, andererseits aber komplett mit ihrer Musik dagegen steuern. FOTOS spielen neue und alte Songs, am Anfang noch etwas lahm, später aber schon gelöster, insgesamt kann man sagen, dass man hier den ausgefeiltesten Sound und das beste Songwriting des Abends hört, was einerseits nicht schwierig war, andererseits aber in Deutschland allgemein schon schwierig ist. Die Songs der FOTOS sind voll, voll von schweren Texten, voll von Melodiebögen, voll von Schwelgen. Im Publikum kommt davon nicht mehr viel an, es bleibt Thomas Hessler nicht viel anderes übrig, als den Betrunkenheitsstand in Punkten zu messen und die Angst vor dem Hass der Festivalbesucher auszusprechen, er hätte gedacht, die Leute wollten nur Hardcore-Ska hören. Aber FOTOS müssen sich der ekligsten Eigenschaft der Stemweder Open Air Festival Besucher stellen. Auch wenn man betrunken und asig ist, wenn man nichts auf die Reihe kriegt und sich niemals verändern will, so kann man doch Respekt zeigen, so kann man sich doch die Musik anhören, die dort auf Bühnen verbreitet wird. Aber nein, nicht einmal das schafft man in Stemwede, hier ist den Leuten wirklich nichts heilig, und so klettern nach der Hälfte des Konzerts ununterbrochen Leute auf die Bühne, um Crowdsurfing zu betreiben. Hier ist das kein Ausdruck des Spaßes an der Musik oder der Energie, die man aufgenommen hat, nein, die Leute wollen auf der Bühne stehen, sie wollen von den anderen Besoffenen gesehen werden, sie hampeln herum, klatschen unrhythmisch, ironisieren das, was hinter ihnen auf der Bühne geboten wird. Niemand der Crowdsurfer erkennt einen Unterschied zwischen einer Band, die nur Beiwerk zum Feiern sein will und einer Band, die etwas zu sagen und zu spielen hat. Hier siegt das Riesenego, hier siegt der Minderwertigkeitskomplex, hier sieht man die Respektlosigkeit zutage treten. Es hat sich nichts in Stemwede geändert, vor 8 Jahren, als ich SLUT hier live spielen sah, benahm man sich auch schon so daneben, wie ein Rotzfleck am Ärmel. Leider schlagen FOTOS mit der letzten Zugabe in die Kerbe und covern, wie sie es nennen, einen norddeutschen Partyklassiker, ich nenne hier nicht den Namen. Aber so wie man in den Wald ruft, so schallt es auch heraus, wobei die Frage auf dem Stemweder Open Air Festival bleibt, wer der Wald und wer der Rufer ist. Kein Samstag für mich.

Es hat sich so unendlich viel geändert, seitdem ich das letzte Mal beim Weggehen glücklich war. Problematisch ist es geworden, das Spiel der Spiele mitzuspielen, sich der Freizeit hinzugeben, Zeit guten Gewissens zu verschwenden und dabei die Gesundheit durch Alkohol- oder Tabakkonsum gleich mit. Ach, wie ich schon darüber schreibe beweist die Distanz zum Leben vergangener Jahre. Alle Ansprüche sind gestiegen und beweisen doch nicht eine Veränderung der Orte und Gegebenheiten, die ich in der Vergangenheit aufgesucht habe. Einen dieser Orte kann man zum Beweis nicht mehr heranziehen, er exisitiert nur noch als geographische Lage. Man trauert ihm so sehr hinterher, dass man sich dort regelmäßig in einer kleinen Gruppe vor verschlossene Türen setzt und redet und trinkt. Wie leuchtend hell das Leben an diesen Orten damals war. Es hatte einen Sinn, sich dorthin zu begeben, jetzt macht es wenig Sinn. Die Vorhersehbarkeit dieser Abende ist mir einfach zuwider geworden. Aber niemals wird es ein letztes Mal sein, ein letztes Mal geben. Es geht doch weiter.

Als ich zuletzt in einem Club (Disco sagt man auf keinen Fall mehr, man sagt Club, egal welche Musik gespielt wird) stand und in Erwartung eines guten Lieds zum Tanzen schon die Auf-die-Tanzfläche-stürmen-Haltung angenommen hatte, fiel mir zum ersten Mal so richtig auf, dass ich alt bin. Nicht nur, dass ich dort zwei Stunden lang in dieser Position ausharrte, bis mal ein Lied lief, das ich kannte, nein, vor mir stürmten Kids die Tanzfläche und reckten und rissen ihre Arme in die Luft, als hätte es noch keine Rockrevolution gegeben und gingen haufenweise zu einer Reihe an stinklangweiligen Rocksongs ab, denen allen der Muff der Stagnation und des Konformismus anhaftete. Glatt produzierte und makellosgemasterte 08/15-Rocksingles, die alle nur eins vermittelten: hier bei uns gibt es keine Innovation, hier wird nur gerockt. Da bleibt aber nicht viel übrig. Mir graute es bei dem Gedanken, dass dies wahrscheinlich all die Bands waren, über die man allerorten Lobeshymnen liest und die dann so wenig von dem halten, was sie versprechen. Und diesen Artikel hier zu schreiben, ist in etwa so uncool, wie sich an solch einem Abend Bands wie... na ja, ich lasse es lieber. Das ist eine Entwicklung, die ganz klar die Rockevolution mit sich bringt. Die Alten werden nun einmal aussortiert und ziehen sich mit ihren Alben aus der uncoolen Vergangenheit (in meinem Fall die 90er und auch ein bisschen die 80er) zum Sterben zurück. Und aufregen müssen wir uns auch über den Nachwuchs, damit der was zum Scheißefinden findet. Gefällt mir eigentlich ganz gut, zu fühlen, dass ich das angesagte Zeugs der Kids scheiße finde und mich darüber aufrege.

Am 30. Dezember 1997 fuhr ich mit Pluswit und O. in den Dome. Damals hatten wir einen Stammplatz im Dome, im Tanzraum auf den großen Stufen. Dort saßen wir auch an dem Abend. Meistens saßen wir dort den ganzen Abend über, 4 oder 6 Stunden, bis wir dann nach Hause fuhren. An dem Abend zwischen den Jahren kamen auch irgendwann meine Ex-Freundin, mit der ich ein paar Wochen zuvor Schluss gemacht hatte, und ihre Freundin. Meine Ex saß fast den ganzen Abend neben mir und wir redeten über völlig belanglose Dinge. Nachdem Pluswit schon anfing, die ganzen Leute zu verarschen, er schmiss kleine Holzteile auf sie, wollten wir um 1:30 Uhr fahren. Vorher war ich aber mit meiner Ex nach draußen gegangen, um mit ihr zu reden. Ich wollte mehr wissen und fragte sie, wie es ihr geht. Sie sagte sehr ehrlich, dass es ihr nicht gut ginge und sie nicht mehr viel auf die Reihe bekäme. Ich sagte ihr, dass es bei mir genauso sei und auch, dass ich sie vermisse. Ein bisschen. Wir umarmten uns und sie sagte: „Ich will nicht, dass du fährst.“ Aber bevor ich noch irgendeinen anderen Fehler begehen konnte, wie z.B. sie zu küssen, sagte ich: „Ich fahre jetzt.“
Wir fuhren also nach Hause, und als wir in E. waren, sagte ich, dass ich noch rumfahren wollte. Pluswit und O. wollten auch mit. Als wir dann durch L. gefahren waren, und wieder in E. waren, sagte ich: „Ich fahre jetzt wieder in den Dome. Ich habe keine Lust, schon nach Hause zu fahren.“ Pluswit schlief allerdings schon auf dem Rücksitz und flippte beinahe aus. O. sagte: „Ach, scheiß drauf, ich fahr mit.“ Also setzten wir Pluswit zuhause ab und fuhren in den Dome. Als wir ankamen, war es viertel vor drei. Wir gingen rein und ich sah sofort meine Ex und ihre Freundin. Bei ihrer Freundin merkte ich sofort, dass sie stockbesoffen war, bei meiner Ex merkte ich es erst später. Aber sie war stockbesoffen. Das merkte ich, als sie sich mit G. unterhielt. Der war anscheinend auch noch irgendwann in den Dome gekommen. Ich war dann auch ziemlich sauer auf sie, weil ich es auch schon damals nicht leiden konnte, wenn Frauen sich so komplett abschießen. Sie sagte mir, dass sie auch nüchtern geblieben wäre, wenn sie gewusst hätte, dass ich noch mal wiederkomme.
Irgendwann sagte sie dann, sie wolle jetzt nach Hause trampen. Das hat sie damals ziemlich oft gemacht. Ich wollte das natürlich nicht zulassen und sie nach Hause fahren. Daraufhin lief sie raus und ich ihr hinterher. Sie wollte mich vertreiben und schlug nach mir, aber ich ließ nicht von ihr ab. G. holte seinen Golf, während ich sie weiter überredete und wir setzten sie ins Auto, O. und G. saßen vorne und meine Ex und ich hinten.
Als wir sie zuhause abgesetzt hatten, fuhren wir zu dritt zurück in den Dome und gingen noch mal rein. Da war es halb fünf. Zwanzig nach fünf lag ich in meinem Bett und schlief um sechs Uhr ein.

Meine Devise an dem Abend war: bloß nicht aufhören. Hätte ich aufgehört zu trinken, dann wäre der Punkt des Hangover noch in der Nacht gekommen. Also trank ich noch das 13. und das 14. Bier, damit insgesamt ca. 4,5 l Bier in mir, ca. 2 Promille Blutalkohol und torkelte dann durch die Gänge des Dome. In so einem Zustand schmeckt man keine Zigarette mehr, die man raucht, obwohl man immer mehr rauchen will, und sich anstatt dessen hinlegen und einschlafen geht auch nicht, weil man ja noch unterwegs ist und sich ansonsten so ein extremes Schwindelgefühl einstellt, dass man sich übergibt.
Am nächsten Abend will ich weitermachen, weiter trinken, denn das ganze Wochenende habe ich über nichts nachdenken müssen, mich nur mit Kater und der Vorbereitung aufs nächste Trinken beschäftigt. Also rufe ich D. an, um ihn zu fragen, ob er mich mitnimmt.
„Nein“, sagt D., und ich verstehe zuerst nicht ganz. D. scheint aufgeregt. „Ich habe keine Lust mehr, dich mitzunehmen, weil du dich wieder rücksichtslos betrinken wirst und dann so eine scheiße Laune verbreitest, darauf habe ich einfach kein Bock mehr.“ Ich merke, dass bemerkt wird, wie viel ich trinke und lasse es deswegen an dem Abend sein.
Die erste nüchterne Erfahrung seit langem im Dome stellt die Weichen für die nüchternen Headful of Rocks alle zwei oder drei Wochen. Ich fange an, die Klarheit zu genießen, die Songs verfolgen zu können und mit den anderen im Dome wieder reden zu können.