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Ich würde gerne wissen, was ich gemeint hab, als ich in mein Notizbuch schrieb:
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Guilty feet have got no rhythm.

 
Station: 5 W CHA
Makroskopie:
Appendix vermiformis: Ein 7,7 cm langes und 2,5 x 2,0 cm im Durchmesser großes stark zerklüftetes und eingeblutetes, nicht weiter orientierbares Gewebsstück. Die Schnittfläche lipomatös und eingeblutet. Am Rand ein fragliches 2,2 cm langes, schmales Appendixteilstück.


Leidet man unter Clusterkopfschmerzen, so kann einem eine normale Schmerztoleranzschwelle schon mal abhanden kommen.
Mangelndes Vertrauen in Ärzte und eine generelle "Das-wird-schon-wieder"-Einstellung zusätzlich dazu können lebensgefährlich werden, das habe ich jetzt gemerkt.
Mindestens zwei, wahrscheinlich eher drei Tage lief ich mit einem Blinddarmdurchbruch durch die Welt; wusste, dass irgend etwas nicht in Ordnung war, wollte meinen arbeitsmäßigen Pflichten aber weiterhin nachkommen und auch ansonsten kein Aufsehen (erregen). Für Magen-Darm-Beschwerden nach mehr oder weniger exzessivem Alkoholkonsum hielt ich es erst, was ich danach dachte, weiß ich nicht mehr. Es würde wohl schon von alleine wieder weggehen. Ging es aber nicht. Statt dessen stieg meine Temperatur in ungeahnte Höhen, ich glühte, aber auch das alarmierte mich nicht soweit, zumindest nicht zuerst, denn das Fieber ging ja mit jeweils 1000 mg Acetylsalicylsäure wieder runter.
Am vorletzten Donnerstag war es dann jedoch vorbei. Bauchschmerzen, immer wieder steigendes Fieber brachen all meine Schutzwälle und ich ließ mich von meiner Schwester ins Krankenhaus fahren. Ich sähe nicht gut aus, so schon die Stimme von A. am Vorabend, aber am Donnerstag muss ich wohl endgültig krank ausgesehen haben. Ins Krankenhaus zu fahren war mehr als schwer. Meine Eltern haben in diesem Krankenhaus gelegen.
In der ZNA im KKH in L. (ich berichtete in diesem Weblog schon einmal darüber) läuft das so ab: man geht an eine Tür, klingelt, es wird geöffnet und gefragt, was Sache ist. Mir öffnete ein ca. 15-jähriger Praktikant, dem ich meine Symptome aufzählte und der mich dann bat, Platz zu nehmen und zu warten. Mehr schräg fiel ich auf einen der Stühle und wartete ca. 10 Minuten. Da kam der Junge wieder raus und bat mich, mich an der Anmeldung anzumelden und dann könnte ich gleich reinkommen. Also schleppte ich mich ins Anmeldebüro, wo eine anmeldebüromäßige Tussi saß, mich ansah und fragte: "Wie kann ich Ihnen helfen?" Hä? Helfen? Ich musste lachen und sagte: "Na ja, ich war gerade an der Notaufnahme, und... wissen Sie Bescheid?" - "Äh, nein, ich... äh, wie kann ich Ihnen helfen?" Ich will mich anmelden, sagte ich daraufhin, glaube ich, woraufhin sie meine Personalien aufnahm, meine Krankenkarte in Empfang nahm und ich ein paar allgemeine Fragen beantwortete, Telefonnummern angab etc. Danach ging ich dann endlich in die Notaufnahme, gab Urin und Blut ab, mein Blutdruck wurde gemessen, der übliche Krams halt. Und eine Braunüle wurde gelegt. Danach kam dann der Oberarzt der Allgemeinen Chirurgie, untersuchte mich und meinte, der Blinddarm müsse raus, sofort. Ein sehr sypathischer, sogar lustiger Arzt, der mir erzählte wie schlimm die Blinddarmoperation bei ihm vor 50 Jahren gewesen wäre. Ich fragte ihn, ob man da nicht noch einen Tag warten könne usw. Natürlich nicht. Ich wurde nach oben auf Station gefahren, über die Narkose aufgeklärt, für die OP vorbereitet und bekam die sog. Scheißegal-Tablette, von der ich aber nichts bemerkte. Im OP-Hemdchen wurde ich nach unten gefahren und über die Schlachtscheuse in den aseptischen Bereich des OP transferiert. Danach wurde ich verkabelt, man machte Scherze, dass ich ja eine weite Anreise hinter mir hätte, hahaha den ganzen langen Weg aus Weimar, und dann kam die Maske.

Diagnose nach Mikroskopie:
Appendektomiepräparat mit einem schweren floriden gangranösen Entzündungsrezidiv sowie mit Perforation der Appendix und ausgeprägter teils chronischer granulierender, resorptiver und fibrosierierender, teil florider fibrinös-eitriger Periappendizitis.


Die Realität beginnt nach der Operation.
Sie beginnt mit dem verschwommensten Blick meines Lebens, kein Alkoholrausch hat meinen Blick und mein Bewusstsein bisher so verschwimmen lassen, mich so vernebelt sein lassen, wie die Überreste der Vollnarkose, die hinter mir lag. Das sind Bilder aus einem Nachttraum, der keiner war. "Hallo", sagte ich zu der Schwester, die neben mir saß, und dann "Ist alles gut verlaufen?" - "Ja, der Doktor hat ein paar schöne Fotos gemacht." Daran konnte ich mich erinnern, dass der Oberarzt mich aufgeklärt hatte, man würde mich laporoskopisch operieren und alles auf dem Bildschirm sehen und auch Screenshots machen. Danach wieder Schwärze. Als nächstes sehe ich meine Schwester, wie sie vor mir steht in meinem Zimmer und mich anlächelt. Wie sie mir darauf folgendes genau erzählt hat, weiß ich nicht mehr, aber bis zu dem Zeitpunkt hatte ich ja noch geglaubt, man hätte eine einfache Blinddarmentzündung operiert. Doch dem war nicht so. Mein Blinddarm war schon geplatzt gewesen, hatte einen Abszeß gebildet und eine Bauchfellentzündung ausgelöst. Deshalb hatte die OP auch zwei Stunden gedauert, die Ärzte hatten meinen gesamten Bauch einmal durchgerührt und versucht den ganzen Eiter, der sich gebildet hatte, zu entfernen. Ein "schwerer Befund" lautete die Aussage der Ärzte immer wieder in den nächsten Tagen, ein "schwerer Befund" sei das gewesen, und es wäre "höchste Eisenbahn" gewesen.
Am nächsten Morgen, nach einer komatösen Nacht, sollte ich schon wieder aufstehen, was ich auch tat und die Drainage (ein Schlauch, der im Bauch steckt und an dem ein Beutel befestigt ist) füllte sich binnen Sekunden mit 200 ml Blut. Etwas panisch sagte ich einer Schwester Bescheid, die eine Ärztin rief, die mir wiederum sagte, dass es ganz normal wäre, dass nach dem ersten Aufstehen aus dem Bauchraum soviel Restblut und Wasser von der OP abfließen würde. Und wieder die Erwähnung des "schweren Befunds". An diesem ersten Tag dann die ersten Infusionen, zwei verschiedene Antibiotika, insgesamt 5 Flaschen am Tag, morgens um 6:00 Uhr zwei, und jeweils eine um 14:00, 19:00 und 22:00 Uhr. In den folgenden Tagen wurden Dinge wie Aufstehen, Herumgehen, auf Toilette gehen, mit Drainage duschen etc. zu einem einzigen Abenteuer. Alles, was mit den Muskeln im Bauchbereich zu tun hat, wurde schmerzhaft, richtig schmerzhaft. Lachen ging erst einmal gar nicht. Husten und Niesen noch viel weniger. Jeden Tag kam die Visite und tastete meinen Bauch ab, ob sich ein neuer Abszeß bilden würde, das wäre die Gefahr bei so einem "schweren Befund", dass man evtl. nicht wirklich alles rausspülen konnte bei der OP und sich etwas Neues bildet. Anzeichen dafür waren da, da mein Fieber stieg und am Montag nach der OP, 4 Tage später also, der CRP-Wert, ein Entzündungswert im Blut, a whopping 300 Punkte erreicht hatte, wo er bei einem gesunden Menschen bis 8 geht. Darüber waren die Ärzte ein wenig erstaunt. An diesem Montag wurde auch Ultraschall bei mir gemacht, bei dem man aber keine "eindeutigen Formationen" erkennen konnte, so die Aussage des Arztes. Chefvisite war an diesem Montag auch, und dort standen sie um mein Bett herum, der nette Oberarzt von der Aufnahme, der halbnette Stationsarzt und der unnette Chefarzt-Pinkel, der die Arme verschränkt vor der Brust hielt und nur abnickte und sagte: "Tja, bei so einem schweren Befund wird das halt ne längere Sache." Das Fieber verflüchtigte sich aber wieder, ich bekam einen extrem unterhaltsamen Bettnachbarn mit Leistenbruch und die Schmerzen wurden allgemein besser. Eine Woche nach der OP wurden die Antibiotika abgesetzt, um mal zu sehen, was passiert.

Kommentar:
Keine Malignität (klinisch: Gedeckt-perforierte Appendizitis mit perityphilitischem Abszess).


Es passierte nichts aufregendes, zumindest nicht aus ärztlicher Sicht und so konnte ich 9 Tage nach Einlieferung am letzten Samstag nach Hause gehen.
Blinddarmdurchbruch, eitriger Abszeß, Bauchfellentzündung. Schmerzhaft all das. Erschöpfend. Lektion gelernt. Drei Narben hinzu addieren.
 
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